Ein Argentinier in Sachsen -Andrés Lasagni

Ich habe hier meine Heimat gefunden.

 

Prof. Dr-Ing. Andrés Lasagni

Prof. Dr-Ing. Andrés Lasagni

Wissenschaftsstandort Deutschland? Darüber wird oft diskutiert. Professor Dr.-Ing. Andrés Lasagni hat sich für Deutschland entschieden. Wie kam es dazu?

„Es war schon verrückt – das hat mit 220 Volt funktioniert! Mein Gott…“. Auf meine Frage, wo seine Wurzeln als Wissenschaftler liegen, erzählt er, dass er beim Bau einer elektrischen Alarmanlage gemeinsam mit seinem Bruder beinahe die elterliche Wohnung in Brand gesetzt hätte. „Wir konnten das Feuer löschen, bevor es unsere Eltern mitgekriegt haben. Sie wissen es bis heute nicht und zum Glück verstehen sie keine deutschen Texte.“ Andrés Lasagni muss lachen.

Wir sitzen in seinem Büro. Ein Schreibtisch, der auf den ersten Blick unübersichtlich wirkt. Zwischen Arbeitsunterlagen, der obligatorischen Kaffeetasse und CDs ein kleines privates Foto. Darüber eine kahle Wand. Unter dem Tisch leere Eierverpackungen, deren Zweck zunächst unerklärlich scheint. Andrés Fabián Lasagnis Arbeitszimmer, ein charmantes Chaos, entspricht dem Bild eines Wissenschaftlers, dem Äußerlichkeiten nicht besonders wichtig sind. Er selbst trägt einen dunkelgrauen Anzug. Krawatte und Hemd sind farblich aufeinander abgestimmt.

Andrés Lasagni (36) ist seit 2012 Professor für Laserstrukturieren in der Fertigungstechnik an der Technischen Universität Dresden. Er leitet außerdem eine Forschungsgruppe am Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden. Etliche wissenschaftliche Auszeichnungen, wie der Masing-Gedächtnispreis, zeigen, dass er zu den Besten seines Fachgebietes gehört. Laserstrukturieren bedeutet Funktionalisieren von Oberflächen. Es klingt trocken. Aber Andrés Lasagni kommt ins Schwärmen. „Wenn wir technische Probleme, wie die Schaffung keimabweisender Oberflächen, lösen, finden wir meistens schon Vorbilder in der Natur.“  Er beschreibt das Beispiel eines Insekts, dessen Oberfläche so strukturiert ist, dass sich Bakterien nur schwer festsetzen können. Andrés Lasagni spricht eindringlich. Er hat eine angenehme Art, den Zuhörer in seine Welt mitzunehmen. Dazu trägt auch sein spanischer Akzent bei. Trotz seiner Begeisterung bleibt er Realist. „Wir entwickeln bezahlbare Lasertechnologien, die die Herstellung solcher Strukturen ermöglichen.

Er stammt aus Cinco Saltos, einer kleinen Stadt im Norden Patagoniens. Sein Vater war Generalunternehmer, seine Mutter arbeitete im Rathaus. „Es gab in unserer Familie keinen Ingenieur, in dieser Richtung habe ich keine Inspiration erhalten.“  Alles fing mit LEGO an. „Ich habe mit meinem Zwillingsbruder mit diesen Spielzeugen gespielt, immer solche technischen Sachen. Wir wollten verstehen, wie die Dinge funktionieren.“ Er begann Chemie zu studieren und wechselte zur Materialwissenschaft. Die Diplomarbeit schrieb er auf diesem Fachgebiet – schon in Deutschland. Es gab ein Austauschprogramm zwischen seiner Universität in Argentinien und der Universität des Saarlandes. Und so konnte er ein halbes Jahr in Saarbrücken studieren, am Institut für Funktionswerkstoffe. Warum gerade Saarbrücken? Andrés Lasagni denkt kurz nach. „Ich wollte unbedingt Erfahrungen im Ausland, in Europa, sammeln.“  Er war ihm wichtig zu wissen, wo seine Familie herkommt. Seine Mutter wurde in Italien geboren. Andrés Lasagni kannte Europa aus den Geschichten seiner Großmutter. „Saar-brücken war Zufall. Ich konnte wählen zwischen Saarbrücken und Wien. Ich habe mich für Saarbrücken entschieden.“ Was änderte sich für ihn nach dem Wechsel ins Saarland? In Argentinien werden die Probleme seiner Meinung nach theoretischer betrachtet als in Deutschland. „Es gibt nicht so viele Labore und Hi-Tech-Anlagen. Das ist einfach zu teuer.“ In Argentinien muss man viel improvisieren, fährt er dann fort. Man kann Software, Messelektronik und ähnliches nicht einfach kaufen, sondern muss sie selbst bauen. Der Nachteil ist, dass Dinge, die in Deutschland in einer Woche fertig sind, dort manchmal mehrere Monate dauern. Aber man lernt sich zu helfen, zu improvisieren. „Es gibt gewisse Sachen nicht, wir müssen die Experimente aber trotzdem durchführen, was haben wir zur Verfügung? Okay, daraus machen wir was! Wissen Sie, wie man mich in Saarbrücken genannt hat? MacGyver!“

Andrés Lasagni blieb bis 2007 in Saarbrücken, promovierte dort im Anschluss an seine Diplomarbeit. Er fand die Bedingungen, die er suchte. „Wenn die Gruppe, die Leute passen, das Thema passt, dann muss man nicht woanders hingehen.“ Ein Forschungsaufenthalt in den USA für ein Jahr bestärkte ihn in seiner Überzeugung, in Deutschland richtig zu sein.

Es gibt aber auch andere Gründe für ihn, in Deutschland zu leben. Andrés Lasagni wird nachdenklich. „Ich habe hier meine Heimat gefunden. Ich bin geboren ohne Heimat, das kann ich so sagen.“ Eine zweite Ebene wird sichtbar, in der er nicht nur der begeisterte Wissenschaftler ist. Er spricht darüber,  was ihn stört an Argentinien. Die ernsten Sachen, die Korruption. Aber auch über Dinge, die wohl aus deutscher Sicht skurril erscheinen, wie die notorische Unpünktlichkeit bei privaten Einladungen. „Ich glaube, in Argentinien war ich schon etwas anders. Ich hatte das Gefühl, dass ich in Argentinien nicht das machen kann, was ich immer wollte.“

Er redet über die Angst seiner Landsleute, gegen die Korruption in Argentinien zu protestieren. Die Angst stammt nach seinen Worten noch aus der Zeit der Militärdiktatur, als Menschen wegen kritischer Äußerungen spurlos verschwanden. Andrés Lasagni möchte seine Arbeit und sein Leben längerfristig planen, ohne die Ungewissheit, dass sich Dinge über Nacht per Gesetz ändern. Während der Wirtschaftskrise im Jahre 2001 wurden viele Bürger durch eine staatlich verordnete Kontenregulierung über Nacht quasi enteignet. Für ihn in Deutschland undenkbar.

„Mein Ziel ist die Wissenschaft, nicht gegen die Korruption zu kämpfen. Als ich Student war, habe ich es gemacht, aber ohne Erfolg und es hat mich viel Energie gekostet. Daran sind auch Freundschaften zerbrochen. Ich musste mich entscheiden, vielleicht war das egoistisch.“ Er verabschiedete sich von Argentinien. Es war für ihn keine einfache Entscheidung.

Er besitzt neben dem argentinischen auch einen italienischen Pass, was ihn zu einem EU-Bürger macht und bürokratische Hürden beseitigt. Aber er möchte die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hasst es, hier nicht wählen zu dürfen. „Ich fühle mich als Teil der Gesellschaft. Ich habe etwas zu sagen.“ Eine erstaunliche Aussage in einem Land, in dem oft über Politikverdrossenheit, mangelnde Wahlbeteiligung und Integrationsunwilligkeit geklagt wird.

Andrés Lasagni fühlt sich integriert. Auch privat – seine Frau stammt aus Siebenlehn, einer sächsischen Kleinstadt. Aber manchmal schlägt sein Herz noch für Argentinien. „Fußball ist ein heißes Thema.“ Er lacht. Die WM 2010 – das schmerzhafte 0:4 gegen Deutschland. „Mein Schwiegervater mit der Vuvuzela neben mir – so habe ich das Spiel gesehen. Sehr schön …!“ Er wird wieder ernst. Es gibt einige Sachen, wo ihm Argentinien näher ist als Deutschland. Argentinische Sportler müssen aus seiner Sicht viel mehr geben als deutsche Athleten, um Höchstleistungen zu vollbringen. Sie haben das deutsche Unterstützungssystem nicht. Da schimmert wieder der MacGyver aus Saarbrücken durch. Leute, die sich dort durchsetzen, begeistern ihn, weil er weiß, wie hart sie arbeiten müssen.

Kann sich Andrés Lasagni vorstellen, die Lasertechnologie zu verlassen und noch einmal etwas ganz anderes zu machen? „Wenn ich komplett wechseln würde, dann wäre es die Musik. Musik hat Mathematik! Und Mathematik … die ist wunderschön.“ Andrés Lasagni spielt Klavier und ein wenig Bass – in einem Jazzduo. Somit erklären sich auch sie Eierpackungen in seinem Büro. Sie sind Dämmung für den Probenraum. Der Name des Duos ist „Dr. Nudel“. Dies war die sächsische Interpretation seines Schwiegervaters  nachdem er sich vorgestellt hatte. Auch diese Geschichte zeigt, dass er angekommen ist.

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