Auf dem Motorrad von Dresden nach Murmansk X

20. Juni

„Good Luck“, und es ist offensichtlich nicht hämisch gemeint. Okay, die Jungs sind nicht gerade die Archetypen der Idealschwiegersöhne, aber sie geben erstmal Auskunft. Ich habe mich in einen Vorort von Sankt Petersburg aufgemacht, um die Reparaturmöglichkeiten für’s Motorrad auszuloten. Nur für den Fall, dass… MOTODEPO heißt der Laden, den ich im Internet ausfindig gemacht habe. Eine Hinterhofwerkstatt, bevölkert von ziemlich schrägen Typen. Nein, URAL geht gar nicht. Der Grund? Es gibt schlicht keine Teile. Hat sich also nichts geändert im Vergleich zu 2008. Sie gucken ein wenig reserviert und ratlos, als ich meine Reisepläne erzähle. „Good Luck!“ Hmm… Also erstmal Fehlanzeige. Abends kriege ich plötzlich noch eine Mail. Denis aus Sankt Petersburg meldet sich. Es gibt sie also doch noch, die russischen URAL-Fahrer. Ich hatte die URAL-Vertriebsorganisation für Europa, die sitzt in Österreich, angeschrieben, ob es irgendwelche Kontakte hier in Sankt Petersburg gibt. Freundlicherweise gab’s den Draht zum besagten URAL-Kollegen. Kurzes Telefonat, eine Stunde später sitzen wir uns in der Bar gegenüber. Gesprächsstoff? Kein Problem, gibt’s sofort. Gut, jemanden zu kennen, den man im Falle eines Falles anrufen kann. Denis, ein dreißigjähriger Elektroingenieur, verspricht mir zu helfen, wo es geht, wenn der unerwünschte Fall eintreten sollte. Er ist der Meinung, URAL-Fahrer seien eben ein wenig anders. Könnte er Recht haben… Wir quatschen- russisch und englisch durcheinander, wahrscheinlich ziemlich laut. Plötzlich steht eine Frau vom Nebentisch auf und kommt rüber. Sie hätte unser Gespräch nicht überhören können, sagt sie. Jetzt gibt’s den Anpfiff, denke ich. Weit gefehlt! Sie hatte aufgeschnappt, dass ich mit dem Motorrad aus Deutschland gekommen bin. Unglaublich, ob ich das noch mal bestätigen könnte. Klar kann ich. Sie ist der Meinung, dass wäre umwerfend und geht wieder an ihren Tisch. Sachen gibt’s…Später kommt noch Denis‘ Kumpel Kirill dazu und gegen Mitternacht sind die beiden der Meinung, dass man noch einen Stadtrundgang machen müsse.

Newski at Night

Newski at Night

Damit hier keine falschen Vorstellungen aufkommen, es war kein Saufgelage…

Wir ziehen los und geraten in einen Tsunami. Heute ist die offizielle Feier der Petersburger Schulabgänger. Heute fließt die Newa andersrum.

Kirill mit Winkelement

Kirill mit Winkelement

Der Newski-Prospekt ist seit dem Nachmittag für Autos gesperrt und eine gigantische Partymeile. In Sankt Petersburg ist heute schlafen verboten. Denis und Kirill wollen zum Winterpalast. Seit Tagen wurde dort an einer riesigen Bühne geschraubt. Überall johlende, singende, tanzende Menschen. Überraschend wenig Methanolgeschädigte. Wir treiben so mit und Denis versucht mir noch Sehenswürdigkeiten zu erklären. Verlorene Mühe. Allerdings schaffen wir es nicht, bis zur Bühne vorzudringen. Der Platz vorm Winterpalais ist weiträumig abgesperrt und die Jungs mit den Tellermützen lassen wirklich nur Schulabgänger durch, wahrscheinlich, um die Party im Rahmen zu halten. Wir können irgendwie nicht glaubhaft machen, heute die Schule beendet zu haben, obwohl ich mich am Morgen rasiert habe. Nun denn, trotzdem gute Stimmung. Gegen drei verabschieden wir uns dann. Bin total breit. Wir werden in Kontakt bleiben.

21. Juni

Wassili ist der Meinung, dass ich Kraft brauche. Wassili ist Professor an der hiesigen Kunsthochschule und mein Vermieter. Außerdem hat sich herausgestellt, dass er den Klotzscher Wasserturm kennt. Ausgerechnet mitten in Sankt Petersburg trifft man jemand, der schon mal in Klotzsche und Hellerau war. Nun ja… Kraft also… Es gibt Kascha, die berühmte Buchweizengrütze. Ich gucke erstmal begeistert. Ökologischer Anbau wird mir noch gesagt. So, so…

Kascha aus ökologischem Anbau

Kascha aus ökologischem Anbau

Ganz ehrlich: es ist nicht ganz mein Ding. Aber ich esse tapfer auf. Heute ist mein letzter Tag an der Newa. Ich bin noch so ein wenig wacklig von gestern. Kirill ruft nochmal an, vielleicht treffen wir uns Morgen vor der Abfahrt nochmal. Heute sind Reisevorbereitungen angesagt. Motorrad durchsehen, Ölstände prüfen, Schrauben festziehen. Mir fällt nichts Besorgniserregendes auf. Morgen geht’s in den Wald. Auf dem Weg nach Murmansk ist ein kleiner Abstecher nach Archangelsk geplant. Eintausenddreihundert Kilometer, am nächsten Freitag soll es vollbracht sein. Ab in die Wildnis. Schon auf der Karte sieht’s sehr abgeschieden aus. Nu, budjet. Wenn das Motorrad läuft und die Tellermützen nicht zu sehr die Hand aufhalten, ist es bequem zu schaffen- Ladogasee, Onegasee, Wald, Wald und dazwischen wahrscheinlich Bäume. Wird Zeit, dass ich aus der Stadt rauskomme. Waren aufregende Tage aber die Stadt vereinnahmt und fordert. Schnell, laut, mitreißend. Ruhe ist selten.

Nun denn, ab Morgen gilt es. Abends noch Abschied von der Newa. Weiter auf dem Motorrad von Dresden nach Murmansk.

Poka, Newa!

Poka, Newa!

Internet gibt’s dann in Archangelsk wieder.

 

4 Gedanken zu „Auf dem Motorrad von Dresden nach Murmansk X

    1. Klar, ist das in meinem Sinne. War jetzt eine Woche offline- 1400km von Sankt Petersburg bis Archangelsk. Ab sofort gibt’s wieder News.

      Micha

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.