Ein Klimakiller wird isoliert

 

Vattenfall-Kraftwerk in Schwarze Pumpe

Vattenfall-Kraftwerk in Schwarze Pumpe

Im brandenburgischen Schwarze Pumpe läuft ein Experiment, welches die Verbrennung von fossilen Energieträgern nachhaltig beeinflusst- unabhängig von seinem Ausgang. Vattenfall betreibt hier eine aufwändige Versuchsanlage, um die Zukunft der Kohlekraftwerke zu sichern – ohne Emission von Kohlendioxid.

Schwarze Pumpe vor zwanzig Jahren: ein riesiges Industriegebiet aus Kraftwerken, Brikettfabriken und Kokereien- ein Stützpfeiler der Energieerzeu-gung aus Braunkohle und eine gigantische Dreckschleuder. Das Werk war Arbeitsplatz für 15.000 Menschen in der Region. Der Schichtrhythmus in „Pumpe“, wie das Unternehmen gemeinhin genannt wurde, prägte das Leben im nahegelegenen Hoyerswerda. Die Stadt lebte durch das Kombinat. Und Stadt und Region lebten mit dem Schmutz. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Die alten, kohlestaubgesättigten Kraft-werksanlagen sind fast vollständig verschwunden. Das wuchtige Gebäude des neuen Vattenfall-Kraftwerks prägt die Landschaft. Aus zwei riesigen Kühltürmen entweicht Wasserdampf. Es sieht wie eine saubere Sache aus. In der Tat machen die verbleibenden Schadstoffe heute nur einen Bruchteil der „alten“ Emissionen aus. Staub und Schwefeldioxid haben die Kraftwerksbauer im Wesentlichen im Griff. Ein Problem allerdings blieb- das Kohlendioxid. Dieses Treibhausgas ist geradezu ein Symbol für den Klimawandel. Die neuen Kraftwerke belasten damit die Atmosphäre ebenso wie alte Anlagen.Ein Problem, von dessen Lösung die Akzeptanz fossiler Brennstoffe zur Energie-erzeugung abhängt. Die Ingenieure von Vattenfall haben sich mit Hilfe mehrerer namhafter Universitäten und Institute dieses Themas angenommen.

In Schwarze Pumpe finden die entscheidenden Probeläufe für die CCS Tech-nologie statt. Dieses Kürzel steht für Carbon Dioxid Capture and Storage, CO2Abscheidungund Speicherung. Vattenfall hat hier ca. 80 Millionen Euro in eine Pilotanlage investiert, um das Verfahren auf seine Zukunftsfähigkeit zu untersuchen. Werden die Versuche zu einer tragfähigen Lösung führen, erweist sich CCS als Sackgasse oder gar als technologischer Bluff, wie Kritiker behaupten? Das Verfahren muss nach Ansicht von Umweltschutzverbänden strikt unter-bunden werden, behindert es doch nach deren Auffassung den Übergang zu erneuerbaren Energien.

„ Zu einem Stolperstein für den Schutz des Klimas kann die von den Energie-konzernen ins Spiel gebrachte Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CO2) aus Kohlekraftwerken werden.“  Zu diesem Ergebnis kommt der 2008 veröffentlichte Greenpeace –Report „Falsche Hoffnung“

Zu energieaufwändig und zu teuer sei diese Technologie, argumentieren die Klimaschützer. Zudem sei die aus Greenpeace-Sicht ungeklärte Endlagerfrage eine ökologische Zeitbombe.

Nun also der vor-Ort Termin in Schwarze Pumpe, bei Vattenfall. Ich bin mit Lutz Picard verabredet, zuständig für die Öffentlichkeitarbeit in der Versuchsanlage. Freundlicher Empfang am Haupteingang des Kraftwerkes, ein angebotener Kaffee im Büro wird gern genommen und schon sind wir versunken in die Tiefen der CO2 Abscheidung. „Unsere Anlage in Schwarze Pumpe arbeitet nach dem Oxyfuel-Verfahren“, erklärt mir Lutz Picard. Hier findet der erste Teil der CCS–Story statt, die Abscheidung. Das Oxyfuel-Verfahren ist eine Möglichkeit, Kohlendioxid aus den Verbrennungsrückständen zu separieren. Die nächste geplante Anlage, im Vattenfall-Standort Jänschwalde, wird nach dem Prinzip der Rauchgaswäsche arbeiten. „Warum für die erste Pilotanlage das Oxyfuel –Verfahren?“, möchte ich wissen. „Das Oxyfuel-Verfahren ist in seiner Charakteristik sehr nahe am Kraftwerks-prozess“, erläutert mir mein Gesprächspartner. Grundprinzip ist die Verbrennung von Kohle in einer Atmosphäre aus reinem Sauerstoff und rezirkuliertem Rauchgas. Wir begeben uns in die Anlage, welche sich direkt an das eigentliche Kraftwerks-gelände anschließt.

Die erste Station ist die Luftzerlegungsanlage. Hier wird Sauerstoff erzeugt, und zwar nach dem Linde-Verfahren, einer mehr als hundert Jahre alten Methode. Luft wird durch Entspannung verflüssigt und zum Sieden gebracht- bei ca. -190°C. Mit Hilfe der unterschiedlichen Siedepunkte der Luftbestandteile können die einzelnen Elemente, so auch der Sauerstoff, abgespalten werden. In diesem Verfahren ist gleich auch das erste, in der Zukunft noch zu lösende Problem verpackt- der Energieverbrauch derartiger Anlagen. Hier setzen die Kritiker an. Al Gore schreibt in seinem bemerkenswerten Buch „Wir haben die Wahl“ dazu: „…kostet die Abscheidung von CO2 selbst so viel Energie, dass die Industrie 25-30% mehr Kohle verbrennen muss, um den gleichen Stand der Stromerzeugung zu halten“. Das wissen auch die Vattenfall –Leute. In Schwarze Pumpe werden auch Alternativen zum Linde-Verfahren untersucht, beispielsweis das sogenannte Membranverfahren, dass die Durchlässigkeit von Membranen zur Gasseparierung nutzt. Aber die Sauerstofferzeugung ist ein Kernstück des Oxyfuel-Verfahrens. Durch die Verbrennung der Kohle mit nahezu reinem O2 sind die Abgase stickstofffrei. Das erleichtert die Abtrennung des CO2 erheblich, da das gereinigte Rauchgas letztendlich nur noch aus Wasserdampf und Kohlendioxid besteht. Aber zurück in der Anlage: Lutz Picard führt mich zum Kessel. Hier wird Braunkohlestaub verfeuert, um das für die Versuche notwendige Rauchgas zu erzeugen. Auch der Kessel mit einer Leistung von 30 MW/h erfährt  im Laufe des Testbetriebes Veränderungen. Welche Brenner liefern die besten Verbrennungsbedingungen? Anlagen von Alstom, Hitachi und Babcock sind am Start.

Weiter geht es im „normalen“ Kraftwerksprozess. Bevor das CO2 abgeschieden werden kann, wird das Rauchgas noch „entstaubt“ und vom Schwefeldioxid befreit. Elektrofilter gehören zur Grundausstattung moderner Kohlekraftwerke, ebenso die Rauchgasentschwefelung mittels Kalkstein. Dann allerdings wird es ernst. In einem Kondensationsverfahren wird das Kohlendioxid vom Wasser getrennt. Am Ende des Prozesses steht nahezu reines CO2. Es wird mechanisch verdichtet und kann in Speichern zwischengelagert werden. Carbondioxid Captureist beendet und es beginnt der zweite, nicht weniger spannende Teil der CCS Story- das Storage, die Lagerung. In Tanklast-zügen wird das Treibhausgas ins Endlager gebracht. Tiefliegende Sandstein-schichten, die stark mineralhaltiges Wasser enthalten, nehmen das Gas auf. Diese Salinen Aquifere findet man in Ketzin, in der Nähe von Potsdam. Hier betreibt das Deutsche GeoForschungsZentrum (GFZ)  Potsdam eine Versuchslagerstätte – auch diese ist nicht unumstritten.

Zum Schluss möchte ich von meinem Gastgeber wissen, wie es um die Akzeptanz dieser Technologie in der Region bestellt ist. Lutz Picard spricht davon, dass Vattenfall um größtmögliche Aufklärung und Transparenz bemüht ist und die Risiken dieses Verfahrens, die nicht so sehr in der Abscheidung, sondern vielmehr in der dauerhaften Speicherung liegen, keineswegs herunterspielt. Gerade aus diesen Gründen baue man ja derart aufwendige Versuchsanlagen. Aber, so Picard: „Jeden kann man letztendlich nicht abholen!“

Wie das Versuchsendlager in Ketzin funktioniert, lesen Sie im zweiten Teil dieses Features „Ein Klimakiller wird observiert“.

 

Dresden, Juli 2011

 

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