Auf dem Motorrad von Dresden nach Murmansk XI

22. Juni

Wassili meint es gut, es gibt Kascha. Das war wohl unvermeidlich. Wir kommen ins Gespräch. Er spricht deutsch, ich versuche russisch zu antworten. Es geht irgendwie. Wir reden über die Arbeit, die Familie. Einer seiner Cousins war nach dem Krieg kurzzeitig Stadtkommandant von Bad Schandau. Wassili ist klein, dünn mit Vollbart, irgendwie so, wie man sich einen alten Professor vorstellt. Er kennt Deutschland und auch Dresden. Er ist Designer, auch für Möbel und Inneneinrichtungen. Die Hellerauer Werkstätten sind ihm ein Begriff. Und natürlich kommen wir auf die Ukraine zu sprechen. Das Dilemma ist tief. Wassili ist ganz offensichtlich keiner dieser lautstarken Patrioten, für die ein fast siebzig Jahre zurückliegender Sieg der Mittelpunkt ihrer kleinen Welt ist. Die Krim ist in seinen Augen russisch und der Anschluss folgerichtig. Er scheint weit entfernt von irgendeinem nationalistischen Taumel, den Medien und Politik in Russland sehen und den es zweifellos gibt. Wenn Menschen wie er dies so sehen, dann ist der Weg aus dieser Krise wohl noch schwerer als gedacht. Ich denke an das Gespräch mit Andreijs in Lettland. Der Graben zwischen Russland und dem Rest der Welt, selbst zu den ehemaligen Sowjetrepubliken, ist tief. Hier hat sich in den stalinistischen Jahren ein paralleles Universum entwickelt. Die Jahrzehntelange Abschottung mit paranoiden Zügen hat ihre Spuren hinterlassen. Russland hat noch einen weiten Weg vor sich. Ich hätte dieses Gespräch gern noch fortgesetzt aber die Zeit drängt. Ich will los. Denis ruft noch mal an. Kirill und er wollen mich auf ihren Motorrädern durch die Stadt begleiten. Zwei russische und eine „deutsche“ URAL, ein interessantes Bild.

Eskorte- Kirill und Denis

Eskorte- Kirill und Denis

Ich brauche mir keine Gedanken über die Navigation zu machen und kann die Fahrt an der Newa entlang noch einmal so richtig genießen, zumal Sonntag ist und der Verkehr erträglich. Am Stadtrand, an der Murmansker Chaussee verabschieden wir uns. Vor mir liegen fünf Tage Fahrt durch ein unbekanntes Land. Am nächsten Freitag möchte ich in Archangelsk sein. Mir ist etwas beklommen zumute. Ja, ich verstehe und spreche ein wenig Russisch und ich bin nicht zum ersten Mal in diesem Land. Und dennoch bin ich innerlich angespannt. Es ist nicht Deutschland, wo man vielleicht mal zwei Stunden auf den ADAC warten muss und wo die Polizei meist kooperativ ist. Passiert hier etwas Unvorhergesehenes muss man sich etwas einfallen lassen. Und das Wort Entfernung wird hier auf „fern“ betont. Die beiden Russen hauen mir noch mal auf die Schulter und weiter geht’s auf dem Motorrad von Dresden nach Murmansk, wenn auch mit einem kleinen Umweg. Ich komme erstmal gut voran, die Straßen sind sehr brauchbar und das Tankstellennetz ist ausreichend. Dann biege ich von der M18, die nach Murmansk führt ab. Ich möchte ja erstmal nach Archangelsk. Das Bild ändert sich. Der Verkehr hört fast auf und die Straßen verschlechtern sich von Kilometer zu Kilometer.

Russian Outback

Russian Outback

Es ist dieses Gebiet zwischen Ladogasee und Onegasee. Hin und wieder ein kleines Dorf, ansonsten Wald. Auch der Mobilfunkempfang ist dürftig. Hier ist also das russische Outback. Man kann sich wirklich verlieren. Und trotz seiner Abgeschiedenheit war das Gebiet im Krieg umkämpft. Denkmäler zeigen den damaligen Frontverlauf und erinnern an die Blockade Leningrads, die schätzungsweise eine Million zivile Opfer gefordert hat. Irgendwann spät abends schlage ich mein Zelt unweit der Straße auf und arrangiere mich mit den Mücken.

Allein unter Mücken

Allein unter Mücken

23. Juni

Auf einmal ist die Straße weg. Soeben habe ich noch das Schild in Richtung Vytegra gesehen und plötzlich liegt vor mir nur noch ein Feldweg. Glücklicherweise stehen ein Mann und eine Frau am Straßenrand. Auf meine Frage, ob das denn der Weg nach Vytegra sei, nicken sie. Der Mann erklärt mir noch, dass es nur neunzig Kilometer wären. Jetzt bin ich wahrscheinlich endgültig in Russland.

Lost Runway in Russia

Lost Runway in Russia

Es geht los. Tiefe Löcher wechseln sich mit kurzen, harten Bodenwellen ab. Ich fahre Slalom und meine Geschwindigkeit ist zeitweise nicht schneller als 20 km/h. Der dritte und der vierte Gang haben heute frei. Hin und und wieder überholen mich einheimische Fahrzeuge aller Größen. Es scheint doch eine offizielle Straße zu sein. Nach solchen Begegnungen sehe durch den Staub minutenlang nichts. Zum Glück ist das Wetter noch gut. Ich stelle mir vor, es würde auch noch regnen. Unwillkürlich denke ich an die Schilderungen diverser Armeen der Vergangenheit, die an den russischen Straßenverhältnissen gescheitert sind. Ich quäle mich vorwärts durch den Wald. Immer mal schaue ich nach, ob noch alle Teile dran sind.

Lost Runway in Russia II

Lost Runway in Russia II

Überraschend sind für mich die Dörfer. Als Stätten des Verfalls hatte ich sie in Erinnerung, trostlos und heruntergekommen. Das scheint hier nicht so zu sein. Klar, die Holzhäuser sind immer noch windschief auch die freilaufenden Hunde gibt’s immer noch. Aber es scheint mehr Leben in den Häusern zu sein, mehr Farbe an den Wänden und gepflegte Vorgärten. Und es gibt Menschen auf den Straßen, intakte Läden. Irgendwann in Pudosh entscheide ich mich für einen der kleinen Läden am Straßenrand, Café genannt. Schnell, schmackhaft und nicht teuer, so lautet die Reklame. Von außen oft abweisend und unwirtlich sind sie drinnen sehr annehmbar, wenn auch schlicht, in ihrer Einrichtung. Für sehr wenig Geld kann man hier russisch essen: Soljanka, Borschtsch, Fisch, Schaschlyk, Blini, die Auswahl ist gut.

Verpflegungsstützpunkt

Verpflegungsstützpunkt

Die Bedienung ist schnell und für russische Verhältnisse überaus freundlich. Ich entscheide mich für Fisch. Es geht weiter auf der Buckelpiste bis zum Nachtlager bei Kargopol. Die Waldeinfahrten bei Kargopol sind videoüberwacht. Der Grund ist die unsägliche russische Angewohnheit, Müll in die Natur zu kippen. Es ist wirklich eine Seuche. Nun stehen hier Videokameras und Tafeln, die Geldstrafen androhen. Die aufgeführten Zahlen sind beeindruckend. Ich baue mein Zelt auf und räume erstmal ein altes Lada-Teil beiseite. In der Nacht beginnt es zu regnen.

24. Juni

Das Geräusch ist anders. Ich bin gestern eingeschlafen, als der Regen auf das Zelt hämmerte. Es klingt nicht mehr so. Ich traue meinen Augen nicht. Es schneit.

Ski und Rodel gut

Ski und Rodel gut

Über Nacht sind die Temperaturen gefallen und wird mir wieder klar, dass ich in Karelien bin. Ich beschließe im Bett zu bleiben. Lebensmittel und Lesestoff sind zur Genüge da und hier im Wald belästigt mich niemand. Schlafen, Essen und Lesen. Nur schade, dass es keinen Kamin gibt.

25. Juni

Ob ich denn wirklich aus Deutschland mit dem Motorrad gekommen wäre? Der ältere Herr in Kargopol kann es kaum glauben. Eine typische Begegnung. Die URAL mit deutschem Kennzeichen erregt Aufmerksamkeit. Die nächste Frage lautet fast immer: „Warum nicht BMW?“ Meine Standardantwort: „Zu teuer!“ Damit geben sich die meisten zufrieden. Kargopol, inmitten von Wald. Eine russische Provinzstadt mit Holzhäusern zwischen sozialistischen Betonbauten, schlechten Straßen, Kirchen und einer großen Zahl unterschiedlichster Geschäfte. Der Handel scheint zu blühen, es sind zahlreiche Menschen auf der Straße. Die Kirchen sind beeindruckend.

Russland- Deine Kirchen

Russland- Deine Kirchen

Ein russischer Bekannter zu Hause hatte mir diese Gegend, Karelien, empfohlen. Weder die Deutschen im Krieg noch die Kommunisten hätten hier viel zerstört. Russland wäre hier noch ursprünglich. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie diese sakralen Bauten die sozialistische Zeit überstanden haben. Ein wenig verfallen, aber sie sind da. Einträchtig neben den Denkmälern aus Sowjetzeiten. Städte wie Kargopol wirken wenig einladend. Man hier trotz der bunten Reklametafeln und des regen Handels das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Es erscheint alles so weit weg von unserer Welt. Das Wetter ist immer noch schlecht.

Kargopol Downtown

Kargopol Downtown

Weiter auf schlechten Straßen. Abends habe ich die M8 erreicht, die Moskau mit Archangelsk verbindet. Eine weitere Nacht im Wald.

26. Juni

Ereignisarm-eine Fahrt durch unendliche Wälder. Wieder Nachtlager draußen. Es regnet immer noch.

27.Juni

Es ist, als wäre ich nach einer langen Fahrt über’s Meer auf einem anderen Kontinent gelandet. Archangelsk kündigt sich an. Am Straßenrand eine riesige Statue des Erzengels Michael, der der Stadt seinen Namen gab.

Michail

Michail

Es ist wie in einem Märchen. Schon zehn Kilometer vor Archangelsk sehe ich die goldenen Kuppeln der Kathedrale in der Sonne, die sich nun auch endlich blicken lässt. Es kommt mir vor, als wäre ich ewig unterwegs gewesen. Die Stadt empfängt mich offen und freundlich. Ein Gefühl des Ankommens erfüllt mich. Die Vorfreude auf den Luxus einer Dusche und eines Bettes nimmt mich gefangen. Es war eine lange Reise von Sankt Petersburg hierher und ich konnte mich manchmal des Gefühls der Verlorenheit in diesem riesigen Land nicht erwehren. Die Landstraße gibt mich wieder frei. Ich bin da!

2 Gedanken zu „Auf dem Motorrad von Dresden nach Murmansk XI

  1. Hallo Micha,
    habe mir mal auf einer Karte angesehen, wo Archangelsk liegt. Also, „auf dem Weg nach Murmansk “ wäre für deutsche Verhältnisse übertrieben, für russische Dimensionen passt’s aber …. 😉
    Übrigens, die Merkelraute bezog sich auf das Bild im nächtlichen Leningrad, ähm, sorry St. Petersburg.
    Und noch ein Nachtrag: nachträglich die besten Geburtstagsglückwünsche! …. A ja igraju na garmoschke ….
    Schöne pannenfreie Schönwetterweiterfahrt!
    Wulf

    1. Also, ich finde Archangelsk liegt geradezu am Weg. Kann man mal mitnehmen 🙂 Im übrigen, deutsche Dimnsionen sind Luxus.
      Hab in Sankt Petersburg mal gefragt, ob der alte Name noch üblich ist. Durchaus…. war die Antwort. Leningrad würde einfach melodischer und schöner klingen. Stimmt eigentlich, probier’s mal 🙂

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