Der braune Dreck?

Grit Lemke „Die Kinder von Hoy“ – Eine Buchbesprechung

„Hoyerswerda, dieser steingewordene Reißbrett-Traum realsozialistischer Karnickelzüchter.“

„Willkommen in einem bösartigen, hässlichen Alltag, der hässliche, bösartige, dumpfe Menschen stanzt.“

Diese Sätze schrieb Matthias Matussek im „Spiegel“, im September 1991 wohl ganz unter dem Eindruck der damaligen ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda.

Die Stadt und ihre Einwohner hatten ihren Stempel weg. „Jahrelang mussten sie schweigen. Jetzt fließt der braune Dreck in Strömen aus ihnen heraus.“

Schublade auf, Menschen rein, Schublade zu. So einfach!

Hoyerswerda also als einzige braune Ausgeburt? Im Jahre 1991 konnte es so scheinen, zumal wenn der Blick von außen kam und das Urteil eigentlich schon feststand.

War das damals berechtigt? Ist es heute berechtigt? Im Jahre 1991 hatten sich die Menschen in Hoyerswerda dieses Image scheinbar redlich verdient. Und dennoch lohnt sich ein zweiter Blick auf dieses eigenartige Stadtexperiment, welches in den 1950ern ehrgeizig begann und 1990 so abrupt endete. Zumal dieses Wachsen und Scheitern und auch der Nachhall davon bis heute einen Aspekt der deutschen Wiedervereinigung erzählen, welcher extrem polarisiert. Ein Aspekt, der zu oft auf vorgefertigte Meinungen trifft. Verschiedene Blickwinkel sind dringend nötig. Doch woher sollen sie kommen?

Grit Lemke, eine Autorin und Dokumentarfilmregisseurin, geboren 1965 in Spremberg, hat Ihre Kindheit und Jugend in Hoyerswerda verbracht, ist dort zur Schule gegangen.

In „Die Kinder von Hoy“ gibt sie dem Leser diesen anderen Blick. Er kommt nicht von außen. Er wurde erlebt.

Hoyerswerda-Neustadt ist eine Reißbrettstadt, das ist wahr. Aber das Mattusek-Zitat ist in seiner Einseitigkeit so bösartig wie falsch.

Nichts hatten die anfänglichen Pläne für diese Stadt mit Karnickelzüchterphantasien gemein.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Träume der Aufbauzeit schon bald durch die Realität der sozialistischen Planwirtschaft auf das Unkenntlichste verwässert und verzerrt wurden. Die anfänglichen Planungen beruhten auf den Grundsätzen, die in der „Charta von Athen“ niedergeschrieben waren, entsprachen also dem Zeitgeist. Hoyerswerda sollte eine moderne, funktionale Stadt werden.  Wer waren ihre Erbauer?  Grit Lemke beschreibt sie so:

„Die einfach auf der Suche waren, nach einer Arbeit und einem Dach über dem Kopf. Viele von ihnen hatte man woanders rausgeschmissen oder sie kamen aus dem Knast. Heimatlose, für die es sonst auf der Welt keinen Platz gab. Man hatte sie gerufen, um hier, mitten in Kiefernheide, ein riesiges, neues Werk und eine Stadt für die Arbeiter zu bauen. Eine „sozialistische Wohnstadt“ sollte es werden.

[…]

„Alles schien möglich zu sein: Strom aus Kohle machen zu machen, eine Stadt aus dem Heideboden stampfen und die Sterne in die Stadt zu holen.“

WK 1- die vielversprechenden Anfänge

Brigitte Reimann, eine andere bekannte „Hoyerswerdsche“, zeitweilig zumindest, hat darüber in ihrer „Franziska Linkerhand“ ebenfalls eindrucksvoll erzählt.

Als Grit Lemke zur Schule ging, war diese Linkerhand -Zeit dann doch schon vorbei.„Die ersten Erbauer, die Habenichtse und Halsabschneider, waren irgendwann weitergezogen. Die, die gekommen waren, um in Pumpe zu arbeiten, waren geblieben, unsere Eltern. Sie wollten ihren Kindern alles geben.“

Aufbau – Blick auf das WK 8

Anschaulich erzählt sie über ihre Kindheit. Eine sozialistische Kindheit zwar, geprägt vom Leben im Kollektiv, die aber ansonsten ziemlich „normal“ verlief. An keiner Stelle des Buches hat man den Eindruck, dass irgendetwas Essentielles fehlte.

In ihrer Sprache, ihren Beschreibungen hört man dieses eigenartige Hoyerswerdaer Idiom, das mir selbst immer noch so unheimlich vertraut ist. Wenn man sich darauf einlassen will, kann man versinken in dieser Kinderwelt, die weitestgehend sorgenfrei schien. Eine Stadt voller Kinder, die gemeinsam aufgewachsen sind.

Die Autorin lässt in ihrem Buch Freunde und Bekannte fast interviewartig zu Wort kommen. So entsteht der Eindruck eines sehr langen Gespräches über Hoyerswerda und seine Leute. Der „Laden“, ein stadtbekannter Jugendklub, ist so etwas wie das geographische Zentrum ihres Romans, seine Bewohner erzählen ihre Geschichte. Die auch wieder sehr „DDR-typisch“ war, da sich jener „Laden“ eben auch als eine Insel Gleichgesinnter, eine Art „geschlossene Gesellschaft“, präsentiert hat, zu der nicht jeder unbedingt immer Zugang hatte.

Wie konnte es dazu kommen, dass aus Kindern, die gemeinsam aufgewachsen sind, in den späten 80ern und frühen 90ern erbitterte Feinde geworden sind? Dass sie sich aufteilen in Rechte und Linke, Punks und Faschos? Dass diese Aufteilung in Gewaltorgien mit manchmal tödlichem Ausgang endete?

Alle sind da gemeinsam hingezogen. Die Kinder waren alle ungefähr im gleichen Alter…Und auch im Haus, jeder kannte jeden. Ich habe in jeder Badewanne mal gebadet.“

Ich finde, das Buch gibt darauf keine eindeutige Antwort. Kann es vielleicht auch gar nicht. Möglicherweise muss man hier auch den generellen DDR-Kontext sehen, den Niedergang, die Tristesse, aus der jeder so seinen Ausweg sucht.

Endzeit- Hoyerswerda in den 80ern

Die einen wenden sich linken Kulturprojekten zu, Gundermann spielt hier eine nicht unwesentliche Rolle, andere radikalisieren sich nach rechts und reagieren sich an den zahlreichen Gastarbeitern aus Vietnam und Mozambique ab, mit denen sie bis zur Wende noch in gemeinsamen Brigaden gearbeitet haben. Aber auch wenn Grit Lemke hier keine vordergründige Ursachenanalyse betreibt, liest man doch sehr anschaulich, wie diese Prozesse abgelaufen sind.

„Das war schon im Klubhaus in den Achtzigern so: Die rannten als Punk rum, und am nächsten Tag kamen’se als Skinhead. Hä? Wie wechseln denn die die Seiten? Das war schon komisch, diese Jugendkulturen. Bedrohlich wurde das erst später.“

[…]

Mit einem meiner besten Freunde stand ich mir einmal gegenüber. Da hatte der weiße Schnürsenkel, und ich hatte rote. Aber der hätte mir nie off die Fresse gehauen. Verrückt? Wir sind uns dann einfach ausm Weg gegangen. Es ging eben nich mehr.“

Und die Eltern? Ziehen sich ins Private zurück.

„In den großen Städten, in den Seminarräumen und Studentenkellern der Unis, an Theatern und in Cafés wird über Glasnost und Perestroika diskutiert.

In Hoy aber rollt unbeirrt von den Gängen der Weltgeschichte der ewige Kreislauf der Schichtbusse.“

Es ist diese Zeit, in der die Stadt wahrscheinlich „zerbrochen“ ist. Untrennbar mit dem Niedergang des Werks. „Pumpe“ wurde in seiner technisch veralteten Überdimensionierung schlicht nicht mehr gebraucht. Und so verfiel auch die Stadt, zumindest Hoyerswerda-Neustadt. Es verfiel nicht nur die Bausubstanz. In vielen Fällen verfiel auch die Moral und die hässliche Fratze des Spießbürgers kam zu oft zum Vorschein.

Die sozialistische Tristesse glitt hinüber in eine wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, die eben auch noch trist war.

Das Buch beschreibt die Auseinandersetzungen in einer zutiefst polarisierten Stadt, mit Verletzten, ja, auch Toten, von Dagegenhalten, von Aufgeben, von Weggehen und Wiederkehren. Von Menschen, die versuchen, sich in dieser veränderten Zeit treu zu bleiben, von Menschen, die einst ihre Freunde waren und nun abdriften und von spießigen, kleinkarierten und ausländerfeindlichen Kleinbürgern. Die eben, im übertragenen Sinne, auch mal ihre Eltern waren, die ihnen doch alles geben wollten.

Sicher, dies alles gab es wahrscheinlich in der gesamten ehemaligen DDR. Aber Hoyerswerda, mit seiner ganz eigenen Geschichte, war eben ein Art Brennglas. In Hoyerswerda -Neustadt hatte alles irgendwie einen gemeinsamen Startpunkt. Es gab nichts, was „historisch gewachsen“ gewesen wäre. Das Buch liefert einen Insider-Blick. Ich bin mir nicht sicher, ob das Buch jemanden sofort anspricht, der eben nicht so aufgewachsen ist. Aber es lohnt sich, sich darauf einzulassen.

Jeder sollte, bevor er sein Urteil fällt, auch einmal versuchen, diesen Blickwinkel einzunehmen. Es ist ein Stück Ostgeschichte. Ein Stück, das man auch zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man sich, zumal in den Medien, zum wiederholten Mal die, mittlerweile etwas platte Frage, stellt, wie denn der Osten nun „tickt.“

„Jahrelang mussten sie schweigen. Jetzt fließt der braune Dreck in Strömen aus ihnen heraus.“

Nicht ganz falsch aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Oft ist man heute auch schnell wieder dabei, große Teile des „Ostens“ in die rechte Ecke zustellen. Oft genug gibt es dazu leider auch handfeste Anlässe. Vorurteile helfen allerdings genauso wenig wie ein permanentes Beleidigt-Sein. Insofern sind Bücher wie dieses ganz wichtig, wenn man Hintergründe und Zusammenhänge verstehen möchte.

Fazit: Unbedingt lesen!

Anmerkung: Ich bin selbst in Hoyerswerda aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Vieles im Buch kommt mit sehr bekannt vor, zu einigen Dingen hatte ich keinen Zugang, zum Beispiel zum Umfeld des erwähnten „Ladens“.

Die Bilder des Beitargs wurden mir freundlicherweise aus dem Privatarchiv einer Einwohnerin von Hoyerswerda zur Verfügung gestellt.

Alle kursiv geschriebenen Textstellen sind Buchzitate.

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