Muss man sie respektieren?

In den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ habe ich einen sehr nachdenkenswerten Beitrag von Rebecca Solnit entdeckt.

„Warum wir Nazis nicht entgegenkommen sollten“.

Es gibt aus meiner Sicht einige Kernsätze, die das Anliegen des Essays gut auf den Punkt bringen. Einer diese Sätze ist:

Zitat:

Wenn die Hälfte von uns glaubt, die Erde sei eine Scheibe, schaffen wir keinen Frieden, indem wir uns darauf einigen, dass sie ein Mittelding zwischen einer Scheibe und einer Kugel ist. Diejenigen von uns, die wissen, dass die Erde rund ist, werden die anderen nicht durch einen Kompromiss gewinnen.

Zitatende

Dem ist eigentlich auch gar nichts hinzuzufügen. Sie hat Recht mit ihrer Aussage. Dennoch ergeben sich für mich daraus Gedanken, die dann offensichtlich doch von denen der Autorin divergieren. Vielleicht tun sie es auch nicht, sondern fahren nur an dem Punkten fort, an denen sie ihre Argumentation beendete.

Rebecca Solnit besteht in ihrem Essay auf einer unbedingten Kompromisslosigkeit gegenüber Nazis. Sie erklärt im Postscriptum, was sie unter Nazis versteht und auch dem stimme ich uneingeschränkt zu. Und um es vorab festzustellen: Ich finde, man kann die – amerikanische- Sichtweise der Autorin durchaus auch auf Europa, auf Deutschland projizieren. Die Akteure heißen dann anders aber es läuft auf das Gleiche hinaus. Ich glaube auch, obwohl ich kein Jurist bin, dass es die Gesetzeslandschaft in Deutschland zulässt, den konkreten Handlungen von ausgewiesenen Nazis, im Sinne von Rebecca Solnits Erklärung, Einhalt zu gebieten. Die Stichworte sind Volksverhetzung, Holocaustleugnung, Strafbarkeit von Gewalt, um nur einige zu nennen. Gesetze müssten nur immer konsequent angewendet werden.

Ein weiterer Kernsatz bringt mich dann aber zu anderen, weiteren Überlegungen.

Zitat:

Impliziert wird hier wie üblich: Wir – das urbane, multi-ethnische, liberal-bis-radikale, nur-teilweise-christliche Amerika – müssen mehr Zeit investieren, um das „Make America great again“-Amerika zu verstehen.

Zitatende

Hier wird es aus meiner Sicht komplizierter. Dieses MAGA – Amerika und seine Pendants in Deutschland und Europa bestehen doch nicht nur aus Nazis im Sinne der oben genannten Definition. Fast die Hälfte der wahlberechtigen Amerikaner wählte Donald Trump, mehr als 70 Millionen Menschen, davon eben auch eine große Anzahl ethnischer Minderheiten. Alles Nazis? Soll man sich diesen Menschen gegenüber rigoros abgrenzen, wie es das Essay suggeriert? Es wäre fatal.

Ich zitiere hier nochmal Rebecca Solnit:

Wir sollten damit aufhören die andere Seite versöhnlich stimmen zu wollen.

Zitatende

Ist MAGA-Amerika die andere Seite? Sie schreibt weiterhin:

Zitat:

Meiner Ansicht nach hat unsere Seite – man verzeihe mir die anhaltende Vereinfachung und binäre Logik – allen etwas zu bieten, und wir können und müssen es auch ganz konkret anbieten, um auf lange Sicht die Oberhand zu gewinnen, und zwar mittels besserer Narrativer und einer besseren Verbreitung dieser Narrative, damit sie wirklich alle erreichen.

Zitatende

Einerseits erschließt sich mir aus der reinen Lektüre des Artikels nicht ganz, wen sie mit „unserer Seite“ meint. Andererseits fällt es mir schwer zu glauben, dass sie konkret „etwas anzubieten hat“.

Zitat:

Wir wollen, dass jede*r von der eigenen Arbeit leben kann und Zugang zu medizinischer Versorgung hat und dass sich Gesundheits-, Studien- oder Wohnkosten bei niemandem zu einer riesigen Schuldenlast auftürmen. Wir wollen, dass unser Planet in guter Verfassung ist, wenn die diesjährigen Neugeborenen im Jahr 2100 achtzig Jahre alt werden.

Zitatende

Hier liegt meiner Meinung nach ein Schlüssel. Ich denke, dass das Problem bei einer großen Anzahl der Menschen, die Trump gewählt haben, eben ist, dass sie abgehängt sind und keine Aussicht darauf haben, jemals anständig von ihrer eigenen Arbeit leben zu können. Und das ist nicht nur „Schuld“ der Republikaner. Und hier hilft es eben nicht, sich rigoros „unversöhnlich“ zu geben. Auch die Linke, ganz gleich wo, hat derzeit kein schlüssiges Modell, wie dieses Problem zu lösen ist.

Wie kriegen wir es hin, dass Millionen von Menschen, die sind in einer sich rasend schnell ändernden industriellen Welt schlicht nicht mehr gebraucht fühlen und das auch immer öfter ökonomisch bestätigt bekommen in Gestalt eines dramatischen Abstiegs, ihr Leben im Sinne dieser Narrative gestaltet bekommen? In dem man sich pauschal von ihnen abwendet sicher nicht. Wie gesagt, Handlungen, die im Sinne der Gesetze strafbar sind, müssen konsequent geahndet werden, daran darf kein Zweifel bestehen. Und reaktionärem Gedankengut muss man widersprechen. Auch das wird nicht in Frage gestellt.

Es geht auch nicht darum, dass die Wahlgewinner vor den Wahlverlierern katzbuckeln, wie es im Text heißt. Es geht darum, die Umstände zu ändern, die dazu führen, dass derartig viele Menschen für die Parolen der Rattenfänger empfänglich sind. Dazu muss man bereit sein, Beweggründe zu verstehen. Verstehen heißt nicht, alles gut zu heißen. Und letztendlich heißt es auch, grundlegende eigene Verhaltens- und Denkweisen in Frage zu stellen, wirtschaftlich und politisch.

Zitat:

Das Gefühl, nicht respektiert zu werden, merkt er an, „wird nicht durch die politische Agenda der Demokraten erzeugt und ebenso wenig durch das, was demokratische Politiker sagen. Woher also kommt es? Eine komplette Industrie widmet sich der Aufgabe, Weißen einzureden, dass liberale Eliten auf sie herabblicken. Die Rechte verfügt über einen gigantischen Medienapparat, der damit befasst ist, den Leuten einzureden, man respektiere sie nicht, und über eine Partei, deren Entscheidungsträger allesamt verstanden haben, dass diese Vorstellung von zentraler Bedeutung für ihr politisches Projekt ist, und deshalb bei jeder Gelegenheit in den Chor einstimmen.“

Zitatende

Das ist auf eine gefährliche Art simplifizierend. Ja, es gibt diese Industrie. Es ist aber auch ein Fakt, dass überall Menschen, die arm sind, keine Lobby haben, die abgehängt sind, tatsächlich nicht respektiert werden. Von denen nicht respektiert werden, die von allem mehr als genug haben. Von denen, die die wirtschaftlichen und politischen Geschicke lenken. Ein Beispiel hierfür ist übrigens auch der Umgang mit Flüchtlingen in Europa. Aber letztlich ist dieser Mechanismus unabhängig von der Hautfarbe.

Die Zustände in Amerika, und damit das Gefühl vieler Menschen, nicht mehr respektiert zu werden, sind ein Ergebnis des Handelns der gesamten politisch und wirtschaftlich herrschenden Klasse, sowohl der Demokraten als auch der Republikaner. Insofern finde ich die oben gemachte Aussage falsch. Auch die Demokraten, zumindest ein großer Teil ihrer führenden Köpfe, haben es sich in diesem System, welches immer gefühlte und tatsächliche Verlierer erzeugt, sehr bequem gemacht und profitieren davon.  

Ja, das urbane, multiethnische, liberal-bis-radikal, nur teilweise christliche Amerika, muss definitiv mehr Zeit investieren, um das MAGA-Amerika zu verstehen. Es gibt eine Schnittmenge zwischen ausgewiesenen Nazis und diesem MAGA-Amerika. Aber die ist bestimmt nicht 100 Prozent.

Zitat:

Jetzt ist die richtige Zeit, auf unseren Prinzipien zu bestehen.

Zitatende

Das ist nichts wert, wenn man es nicht schafft, die „unterlegene“ Seite in großen Teilen einzubinden und, wie man heute sagt, sie „mitzunehmen“.  Es bedeutet nichts anderes, als die eigenen Narrative, der anderen Seite nahezubringen und sie ihnen nicht nach dem Motto „Friss oder stirb“ hinzuschmeißen. Und selbstverständlich gehören dazu auch Kompromisse. Sonst bleiben diese Narrative eine hohle Phrase. Und es hilft nicht, Versöhnlichkeit und Respekt im Gefühl, gesiegt zu haben, abzulehnen.

Bis dahin hat man nicht „gesiegt“, wie es im Essay behauptet wird, sondern lediglich eine Wahl gewonnen.

Geschichtlich weit ausgeholt, aber: Hätten die Alliierten nach dem ersten Weltkrieg so gehandelt, hätte der Vertrag von Versailles anders ausgesehen, hätten die Nazis im Deutschland der 20’er und 30’er Jahre des letzten Jahrhunderts nicht so ein leichtes Spiel gehabt.

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